Märchen als Weg

In der Arbeit mit Persönlichkeitsstörungen

28.-30. November 2008

 

Workshops:

 

Workshop, Samstag, 29.11.2008

Vom Umgang mit Märchen in der Psychotherapie – am Beispiel der narzisstischen und der dependenten Persönlichkeitsstörung

Heinz-Peter Röhr

Märchen können Antworten sein auf die Probleme der Menschen. Im therapeutischen Prozess eignen sie sich als Projektionsflächen. Spiegelt sich der Kernkonflikt eines Patienten im Märchen, zeigen sich meist kreative Lösungen. Diese gilt es für den therapeutischen Prozess nutzbar zu machen.

Die narzisstische und die dependente Persönlichkeitsstörung scheinen sich jeweils am Ende eines Kontinuums gegenüber zu stehen. Tatsächlich befinden sich in vielen Partnerschaften dependente und narzisstische Persönlichkeiten in symbiotischer Verstrickung.

Patienten mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung stellen Behandler und Berater vor größere Herausforderungen. Intransparente Kommunikationsmuster, mangelnder Realitätsbezug, chronische Selbstüberschätzung sind nur einige Merkmale, die die therapeutische Arbeit erschweren und Fortschritte behindern. Wie kann man Zugang finden zu Patienten, die Hilfe scheinbar nicht annehmen können? Im Grimmschen Märchen Der Eisenofen spiegelt sich die narzisstische Persönlichkeitsstörung.

Ähnlich schwierig ist die Behandlung von Patienten mit einer dependenten Persönlichkeitsstörung. Die Fähigkeit, Erwartungen eines Gegenüber zu erspüren und nachzukommen, ist meist extrem ausgeprägt. Anpassung halten sie für Therapiefortschritt. Ihr Problem spiegelt sich im Grimmschen Märchen Die Gänsemagd. Auch in diesem Märchen spielt ein Eisenofen eine zentrale Rolle. Bei der Auseinandersetzung mit den scheinbar so unterschiedlichen Krankheitsbildern zeigen sich letztlich deutliche Parallelen.

Inhalte des Workshops

  • Verständnis des Krankheitsbildes über die Auseinandersetzung mit dem Märchen;
  • Klärung der Gegenübertragung;
  • Therapeutische Strategien;
  • in Zusammenarbeit mit den TeilnehmerInnen anhand von Fallbeispielen Vertiefung der Thematik.

Referate / Vorträge

Märchen und Persönlichkeitsstörungen

Märchen unterschiedlicher Herkunft weisen eine Vielzahl primärprozesshafter Elemente auf, die in manchmal phantastischen Handlungssträngen sekundärprozesshaft verarbeitet werden. Hiermit sind sie dem Traum verwandt, der übrigens ähnlich wie Kunst, Musik, Religion und Psychoanalyse genau die Schnittstelle zwischen Bewusst und Unbewusst besetzt.

Ihre Aussagekraft ist deshalb so stark, weil sich in Märchen zahlreiche unbewusste teils ungeformte Einzelerfahrungen zu einem kollektiven Gesamtkunstwerk verdichten. In Märchen wird vieles deutlich was alle diffus kennen und wissen, was aber schwierig ist im Sinne sekundärer Bearbeitung in Worte zu fassen. Deshalb sind sie voller Symbole. Vor der im 19. Jahrhundert beginnenden und bis heute noch nicht abgeschlossenen Beschäftigung mit Persönlichkeitsstörungen ist latentes Wissen über diese Variationen des menschlichen Charakters in vielen Märchen präsent. Man denke nur an Till Eulenspiegel, Der Fischer und seine Frau, Zwerg Nase, das hässliche Entlein, Prinzessin auf der Erbse, Rotkäppchen etc.

Ziel des geplanten Vortrages ist es aus exemplarischen Märchen herauszuarbeiten, inwieweit, diagnostische und therapeutische Quellen aus diesem Allgemeingut erschlossen werden können. Warum lassen sich Kinder von Märchen ansprechen? Sind angesichts vielfältiger Tabubrüche Märchen vielleicht schädlich oder unheimlich? Nicht umsonst ist z. B. Freuds Traumdeutung voll von Zitaten aus Äußerungen aus dem kollektiven Unbewussten. Ich würde mich freuen mit meinem Vortrag über Persönlichkeitsstörungen und Märchen mit Ihnen gemeinsam einen Versuch zu unternehmen auch hier eine Via regia zum Unbewussten zu beschreiten.

Referenten

Dr. Bertram von der Stein

Facharzt für Psychotherapeutische Medizin, Psychoanalytiker DGPT / DPG, Gruppenanalytiker DAGG, Facharzt für Psychiatrie u. Psychotherapie,
Rehabilitationswesen.

Heinz Peter Röhr

Pädagoge und Sozialarbeiter, arbeitet seit über dreißig Jahren mit Suchtmittelabhängigen. Er leitet ein Behandlungsteam in der Fachklinik Fredeburg. Seit vielen Jahren beschäftigt er sich mit Märchen, die Menschen helfen, sich selbst und ihre Probleme besser zu verstehen. Dazu sind zahlreiche Publikationen erschienen, u.a.:

H.P. Röhr: Narzissmus – das innere Gefängnis. Düsseldorf: Patmos, 1999 (8. Aufl.)

ders. Wege aus der Abhängigkeit – destruktive Beziehungen überwinden. Patmos, 2007 (5. Aufl.)

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